»Marc-Stefan Andres«

Das war’s. War’s das?

11.November 2010

Gestern haben wir die Werktage beendet. Mit einem schönen Film der Filmwerkstatt, der auch schon im Rohschnitt zeigt, dass er – wenn er in ein paar Tagen fertig ist – eine wunderbare Abrundung des Projektes werden kann. Zumal er die Themen der Werktage zeigt: Das Kunstschaffen unter Beobachtung, der Umgang mit dem großen Raum, das Einbeziehen der Stadt und seiner Bewohner – und sogar das Warten auf Gäste.

Alle Künstlerinnen und Künstler, haben – wie auf Thorsten Arendts vielbeachteten Lochkamera- und Digitalfotos gestern zu sehen war – viele unterschiedliche Ansätze im Raum verfolgt. Wir konnnten in den vergangenen zehn Wochen expressive Ausbrüche und introvertiertes Arbeiten, hippieskes Beisammensein und hochkonzentriertes Schaffen, kreative Spannung und durchaus nicht uninteressante Schlaffheit beobachten.

Unterschätzt haben wir im Vorfeld ein wenig die Wirkung der Besucher. Natürlich wussten wir, dass nicht immer Hunderte den Raum füllen würden und dass zugleich auch wenige Gäste einen großen Einfluss auf Kunst und Künstler haben würden. Die gegenseitigen Reaktionen aber waren beachtlicher als wir erwartet hätten. Die Stimmung im Raum, der nun einmal als intimer Proberaum, Atelier oder Schreibstube fungierte, wechselte oft in Minutentakt – je nach Gast und Gastinteresse.

Waren nur drei, vier Besucher im Raum, wurde die Spannung spürbar, die die Künstler zu anstrengenden Hochleistungen trieb – und die manchmal sogar Überhand nahm, wenn sich ein, zwei unserer hochgradig bühnenerfahrenen Teilnehmer in ihre Kemenaten zurückwünschten, um ihre Kunst in Ruhe machen zu können, um sie erst anschließend in Perfektion zu präsentieren. Andere Künstler wiederum genossen den Widerhall, den das Publikum gab, was sogar elementare Eingriffe in die Kunst nicht ausschloss. Als dann an manchen Abenden Dutzende Zuschauer kamen, ein Mal sogar rund 250, überraschte uns die plötzliche Lebendigkeit, die mit einem Schlag die konzentrierte Ruhe der Stunden zuvor abgelöst hatte.

Waren die Werktage erfolgreich? Ja. Denn wir haben verschiedene Dinge erreicht, die wir uns vorgenommen hatten: Wir haben Prozesse des Kunstschaffens sichtbar gemacht, eine wunderbaren Raum gestaltet sowie Künstler und Szenen aus Münster verknüpft, die sich zuvor nicht kannten. Und wir – vor allem die Künstler – haben mit dieser Website ein sehr lebendiges Dokument geschaffen, dass täglich mehrere Hundert Male angeklickt wurde – auch von Menschen außerhalb der Stadt Münster, die nicht ein einziges Mal in der Stadthausgalerie waren.

Und nun? Wir werden die Homepage weiterlaufen lassen und die Werktage fortführen. In welcher Form auch immer. Vielleicht anders gewichtet und kompakter, vielleicht in einer anderen Stadt oder auch wieder in Münster, an einem anderen Ort mit einem abgewandelten Konzept. Schaut hin!

Danke (in alphabetischer Reihenfolge): den Aufsichten, die sich bei großem Publikumsandrang, aber auch in flauen Phasen vorbildlich mit dem Verkauf von Bier und Bionade, Erklärungen zur Kunst, Schlepphilfen oder manchmal auch mit Seelenhilfe für alleingelassene Künstler beschäftigt haben; dem Veranstalter der Werktage, dem Kulturamt Münster, für die Finanzierung, Unterstützung und das Machenlassen; Risna Olthuis für die bestmögliche Organisation; Constanze Raidt für unermüdliche Presse-, Hintergrundarbeit und Recherchen; Thomas Tegethoff für die funktionable und aufgeräumte Website.

für alleingelassene Künstler

Schweinehaxe, Kindersprung, Fahrradrennen

05.November 2010

Drei Tage lang fuhr Jeff Platz durch Münster – und filmte. Der Komponist und Gitarrist aus Providence/Rhode Island nahm mit seiner kleinen Kamera allerhand Ungewöhnliches aus: Eine Schweinehaxe im Alten Gasthaus Leve, Kinder beim wilden Matratzenhochsprung, Menschen auf Fahrrädern, Asphalt, Backstein, Grünzeug. In der Stadthausgalerie setzte er sich an seinen Computer und schnitt kleine Filmchen aus dem Material, arrangierte sie samt Hintergrundgeräuschen mit seiner Musik, schrieb Bassläufe und kleine Melodien, um heute, am letzten Abend seiner Werktage, das Ganze als, nennen wir es ruhig so, multimediale Show aufzuführen.
Dabei unterstützen ihn ab 20 Uhr der Ausnahmekontrabassist Meinrad Kneer und der amerikanische Schlagzeuger Billy Elgart, der schon auf zig Jazzplatten mitgewirkt hat. Gemeinsam spielen die drei die Münsterkompositionen von Jeff Platz, die allerdings nur den kurzen, flexiblen Rahmen für ausufernde Improvisationen bieten werden. Mit erhöhter Musikalität geht es anschließend ins Wochenende – und danach direkt hinein in den Live-Dreh der Filmwerkstatt.

Lancaster – Werk/Tag 5: Konzert

31.Oktober 2010

Marc Günnewig von Modulorbeat wollte es sich nicht nehmen lassen, höchstselbst die Bänke noch einmal auf Stabilität hin zu überprüfen, bevor heute, am letzten Tag der Lancaster-Werktage-Woche, die Bude richtig voll werden sollte.

Sebastian Voß brachte wie besprochen Gläser und Whiskey mit, um einem Lancaster-Ritual fröhnen zu können – sich einen gemeinsamen Drink unmittelbar vor einem Konzert zu genehmigen. Das beruhigt die Nerven und ölt die Stimmen!

Gegen 18.00 Uhr waren die meisten Instrumente für den Soundcheck aufgebaut, auch die dritte Gitarre inkl. Verstärker und das Metallophon – beides Instrumente, die wir für eine letzte Probe brauchen sollten:

Zusammen mit den beiden Kuratoren der Werk/Tage André Boße und Marc-Stefan Andres wollten wir noch einen Lancaster-Song austesten, um diesen dann später auch beim Konzert vorstellen zu können.

Vier bis fünf Durchgänge später war “King Of Spain” im Kasten, Soundcheck zusammen mit dem Cello von Hendrik Tarvenkorn, mit der Elektronik von Thomas Bücker und dem Bläserensemble – dann kam das Publikum. Gegen 20.30 Uhr betraten Lancaster die Bühne und starteten mit den drei Stücken des Cello-Sets.

Wir hatten das Gefühl, alle drei Songs noch etwas stimmiger hinbekommen zu haben als am Montag bei der öffentlichen Probe – ein prima Anfang für unser Abschlusskonzert, wie wir fanden.

Foto: Katja Baron

Im Anschluss daran gab es den ersten Wechsel an den Instrumenten: Marten Bornmann (Posaune), Philipp Clodt (Tenor-Saxophon), Manfred Pohlschmidt (Trompete) und Marc Picker (Alt-Saxophon) stellten mit uns zusammen die drei Songs vor, die wir am Mittwoch hier öffentlich geprobt hatten:

Im Nachhinein hätten wir uns doch den Luxus gönnen sollen, alle Blasinstrumente extra zu mikrofonieren, denn je nachdem, wo man im Publikum stand oder saß hörte man mehr oder weniger gut den Gesamtklang der Band. Aber das ist ja auch ein Charakter der gesamten Werk/Tage: Es kann, muss und soll nicht alles perfekt sein, denn viele Ansätze dokumentieren lediglich einen Prozess auf dem Weg zum fertigen Ergebnis.

Danach präsentierten wir mit dem vorhin noch frisch einstudierten “King Of Spain” einen Song, der ursprünglich nur eine 20 sec. lange Idee eines Songs, ein Songfragment war und hier auf 5 min. ausgewalzt wurde und damit einer immer lauter werdenden Sound-Spirale glich. Das hätte “Züge der frühen Velvet Underground”, wie ein Freund hinterher kühn zu behaupten wusste.

Nach André Boße und Marc-Stefan Andres betrat nun Thomas Bücker als unser nächster Gast die Bühne. Wir spielten die drei Lancaster-Songs exakt in der Reihenfolge des Lernprozesses vom Vortag und machten nach dem atmospärisch dichten “Chuck/To The Moon” mit dem dritten Remix von “Catch Me” mit Thomas sowohl an der Elektronik als auch an den Drums ein wuchtiges Fass auf und baten mit “Porcelain Toilet” zum Big Beat-Tanz!

Nun galt es, die Lautstärke etwas zu drosseln und das Konzert mit der vierten Version von “Catch Me” zu beschließen – jetzt zusammen mit dem epiFUNias Gospelchor Münster und dem wunderbaren Winne Voget. Anrührender und schöner hätten wir diesen einmaligen Abend, diese einmalige Woche musikalisch nicht beschließen können – die randvolle Stadthausgalerie war nun endgültig aus dem Häuschen und zollte uns einen Applaus, der mir durch Mark und Bein ging! Der Chor setzte noch einmal zum Reprise von “Catch Me” an und nach etwa 70 Minuten beendeten Lancaster ihre Werktage-Woche mit einer (auch wenn das anmaßend klingen mag) Größe, die ich nicht erwartet hatte und nicht erwarten konnte.

Unser uns die ganze Woche begleitendes Filmteam, welches ebenso viel Arbeit wie Lancaster oder wie unser Techniker Tobias Mennemeyer geleistet hatte, machte noch eine letzte Interview-Runde durch das Publikum und befragte uns anschließend nach einem Fazit, welches selbstredend nur überschwänglich ausfallen konnte.

Wir bedanken uns für eine unvergessliche Zeit hier in der Stadthausgalerie bei unseren Mitmusikern, unseren Gästen der Stadthausgalerie, bei den Kuratoren, bei Risna Olthuis vom Kulturamt der Stadt Münster, vielen anderen uns helfenden Händen und vor allem bei unseren Kamaraleuten Katharina Miggelt, Jonas Köhne und Jan Telgkamp:

Wie es mit Lancaster nun genau weitergehen wird, wissen wir noch nicht, aber es sind Studio-Aufnahmen angedacht, um die Erfahrungen dieser Woche konservieren zu können, der Dokumentarfilm wird in Kürze geschnitten, evtl. laufen hier und da schon kurze Teaser dazu. Am Samstag haben wir die Stadthausgalerie ausgeräumt, sind wieder in unseren 16 qm kleinen Keller im JIB/Gleis 22 gezogen und wurden sentimental, weil diese Woche damit definitiv beendet wurde. Die Werk/Tage gehen weiter, in Erinnerung bleiben tausend tolle Dinge, viele neue Freunde und eine überraschend schlüssige Setlist:


Fertiges

28.Oktober 2010

Seit gestern sind die Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler nicht nur in der Stadthausgalerie quasi live oder verstreut auf diesen Blog-Seiten zu beobachten, nein, nun gibt es auch gebündelt und gesammelt die Kraft der Werktage. Unter dem Menüpunkt “Die Werke” haben wir mit einer Reihe von Geschichten von Christian Fries begonnen, so etwas wie eine Auswahl des Geschafften zu präsentieren. Nicht die Spontanität steht hier im Vordergrund, sondern der Prozess des Sortierens und Bewertens. Christian Fries produzierte durchaus mehr Geschichten als die, die er nun auf den Seiten eingestellt hat. Aber er wählte ausgerechnet diese – und damit eine Essenz seiner Werktage.
Mehr in Kürze.

Nächster Künstler: Jean Michel / Thomas Bücker 11. bis 15.10.

05.Oktober 2010

„Geniale Ideen mit Witz, kluger Sound, killer Samples, gute Songs“ – eine Lobeshymne des Elektromusik-Fachmagazins De:Bug für Jean-Michael alias Thomas Bücker, die für die Werktage Münster Großes verspricht. Der Computermusiker, der im Neben- oder Hauptberuf – je nach Definition – als Grafikdesigner in Münster lebt und arbeitet, wird ab dem 11. Oktober in der Stadthausgalerie (Rathausinnenhof/Platz des Westfälischen Friedens) einen Track entstehen lassen, dessen Themen und Klänge die Stadt Münster vorgibt. Thomas wird jeweils zwischen 17 und 22 Uhr Geräusche und Töne sammeln und das Ganze schließlich am Freitag, 15. Oktober gemeinsam mit Gastmusikern zu einem Stück werden lassen.

Vorab schon hat sich Thomas Bücker von Münster und seinem Sound inspirieren lassen und etwa ein Preußen Münster-Spiel besucht. „Ich habe an verschiedenen Standorten im Stadion die Lautsprecheransagen und die Gesänge der Fans aufgenommen, die neu arrangiert und mit anderen Klängen gemischt sehr spannendes Material bieten“, erzählt der Musiker, der vor allem am Computer arbeitet. Bei den Werktagen wird er dies wie alle andern Künstlerinnen und Künstler öffentlich und verfolgbar tun und dem Publikum einen Eindruck geben, wie digitale Komponisten arbeiten.

Neben den gesampleten und digital bearbeiteten Klängen will Thomas aber auch „echte“ Musiker in seine Komposition einarbeiten, die er mit seinem „e-smogplayground”-Tonstudio erstellen wird. Am Montag wird zum Beispiel Carsten Nolte mit seinem Bass in der Stadthausgalerie für tiefe Töne sorgen. Der Musiker, der in Münster u.a. bei den Bands nolte. und Zipper Shtick spielte, wird „in dem großen Galerie-Raum vielleicht eine neue Musikrichtung erfinden: Hall’n’Bass“, sagt Thomas Bücker lächelnd. Am Donnerstag, 14. Oktober wird Wolfgang Müller, Kopf der Band „The Sellers“, mit seiner Gitarre den Münster-Soundscapes den letzten musikalischen Feinschliff verpassen. „Beim Abschlussabend am 15.10. wird Matthias Frick (aka Matthew Adams) seine Studio-Elektronik aus Bielefeld nach Münster bringen und einen externen Blick auf die Münster-Sounds werfen“, kündigt Thomas Bücker an.

Eine Dose ist keine Dose ist ein Fotoapparat

05.Oktober 2010

Die meisten der wunderbaren Fotos auf diesen Seiten hat Thorsten Arendt gemacht. Der Fotograf begleitet die Werktage mit der Kamera, dokumentiert, sucht nach den Situationen, die stellvertretend für unser Konzept sind: Marc Günnewig von modulorbeat, der die Möbel plant und baut; Christian Fries, der intensiv schreibend am gelb leuchtenden Schreibtisch sitzt, Katja Kottmann und Richard Helbin im künstlerischen Zweikampf; Jan Klare, entspannt und engagiert beim Solo-Auftritt.

Neben diesen digital aufgenommenen Fotos, die Minuten nach dem Auslösen schon online stehen können, hat Thorsten sich eine zweite Herangehensweise überlegt, die den gesamten Prozess entschleunigt. Gewaltig entschleunigt sogar, denn für ein Foto können gut und gerne einmal vier Stunden draufgehen.

Thorsten setzt dazu eine Lochkamera ein. Immer also, wenn er mit einem silbrig glänzenden Eimer, der wie eine Lackdose aussieht – in Wirklichkeit ist es tatsächlich ein solches Gefäß – in die Stadthausgalerie kommt, kommt diese Camera Obskura zu Einsatz. Der Fotograf richtet sie an einer geeigneten Stelle aus, entfernt die kleine magnetische Abdeckung, von dem winzigen Loch – und im Inneren entsteht in einer langen Belichtungszeit das Foto. Das Besondere daran: Thorsten Arendt nutzt dazu keine Negative, die erst einmal auf Fotopapier übertragen werden müssen, sondern direkt ein spezielles Fotopapier, das mit ein wenig Fotochemie die Szenerie festhält.

Einzelstücke kommen heraus, die zumeist nur die Räumlichkeiten festhalten, in denen die Künstler der Werktage gelegentlich schemenhaft zu sehen sind – wenn sie sich eben einmal nicht allzu sehr bewegt haben.

Entstanden sind auf diese Weise einige eindrucksvolle Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die im Laufe der Werktage ebenfalls ausgestellt werden.

Möbelhaus?

07.September 2010

Den Syndikatsplatz im Rücken, durch den Rathausinnenhof schlendere ich auf die erleuchtete Stadthausgalerie zu. Die Tageslichtprojektoren leuchten blass nach außen, einige Neonröhren strahlen darüber. Rechts vorne sitzt Simon an seinem Tisch am Fenster; eine der Aufsichten, die in den kommenden Wochen auf den Raum, die Künstlerinnen und Künstler, einfach auf alles aufpassen, die Besucher informieren, Getränke verkaufen und gelegentlich auch für Unterhaltung der werkenden Kunstschaffenden sorgen werden – wenn einmal kein Besucher staunend in dem Raum stehen wird.


Etwas aber ist anders als in den vergangenen Tagen. Die Stadthausgalerie erscheint, ja, farbiger, auffälliger, einladender. Marc Günnewig von modulorbeat und ein helfender Tischler namens Tim Rietschel haben begonnen, die Möbel zu bauen. Sie hantieren mit einfachen gelben Platten, die normalerweise auf dem Bau eingesetzt werden. Auf Gehrung ist das Material gesägt, aus dem modulorbeat mit Leim, Spanngurten und Gaffa-Klebeband variable Einheiten fertigen, die anschließend jeder der weiteren Werktage-Künstlerinnen und Künstler nach Bedarf nutzen kann. (Gaffa und Spanngurte kommen nach dem Trocknen des Leims natürlich weg)

Mir gefällts, sehr gut sogar, denn die Farbe und die stabil wirkenden Kisten und Quader wirken stark im Raum – dabei sind sie noch nicht fertig und stehen nicht so, wie sie demnächst sollen.

Ich werde in den kommenden Tagen – denn Freitag zur Eröffnung muss alles fertig sein – noch mehrmals schauen. Der Raum wächst.