11.09.`10
Gegen 20.30 schickte ich meine Bewerbung um ein Stipendium des Goetheinstituts ab, online. Drei Monate in Kyoto leben, in der Villa Kamogawa, nächstes Jahr.
Zu diesem Zeitpunkt gab es im Rahmen der werktage-muenster.de nicht mehr zu tun als das.
Der Rücken schmerzte.
Irgendwo, weiter weg, in den Gassen, brüllten, schrien, applaudierten Menschen. Bei uns, in der Galerie, war´s still. May (am Tresen) ging die Unterlagen für ihren neuen Job durch, der Beamer rauschte, vor der offenen Tür rollte ein einsamer Radfahrer vorbei. Ich schrieb ein paar Zeilen über ihn, schrieb über das Schaufenster auf der anderen Seite des Platzes, über den Teppich, den ich in der Galerie ausgelegt hatte, einen alten Teppich mit Geschichte, druckte aus, was zusammen kam, drosch die Blätter mit Hilfe einiger Stecknadeln in die gelben Pinwände und – ließ es dabei.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich bereits, dass es nicht so einfach war, irgendwas Gescheites zu schreiben, vor Ort, im Beisein anderer Menschen. Nahm ich, verfremdend natürlich, aber erkennbar Bezug auf das, was gerade geschah (wie ich´s beabsichtigt hatte), so erwies sich als problematisch, dass das, was geschah, kurzlebig war. Nach einer Weile hatte die Geschichte, entsprechend den Ereignissen im Raum, so viele Wendungen genommen, dass es mir nicht mehr gelang, einen Faden einzuziehen, der alles zusammengehalten hätte. Ich schrieb drunter: „Abbruch“. (Und hängte die Blätter an die Pinwand.) Folgte ich andererseits Themen, die ich mitgebracht hatte, schrieb ich deutlich zu langsam, die (raren) Gäste erhoben sich und gingen ihrer Wege. Mein Rhythmus entsprach nicht dem ihren. Ich konnte sie nicht halten.
Gut.
Ich legte mich auf den Teppich.
Eine gute Stunde lang kam niemand.
Ich erledigte Bürokram (bezahlt, tut mir leid). Ich schickte die Bewerbung ab, wie gesagt (bezahlt, tut mir leid). Ich stellte mich darauf ein, den Laden um 21.00 zu schließen (bezahlt, hin oder her). Ich sah auf die Uhr.

Plötzlich standen B. und A. im Raum. „Wir müssen was essen, aber dann kommen wir wieder“, sagten sie. Ich begann, mich zu berappeln. Sekunden danach kam H., Freund und Verleger, herein, überreichte mir eine Flasche. „Du hast Geburtstag.“ Ich schrieb, als Antwort, eine Geschichte, in der H., mein Freund und Verleger, mich (im Krankenhaus) besucht, wo ich mit gebrochenem Bein liege – in Wahrheit leide ich an den Folgen eines Bandscheibenvorfalls … – , mir zum Geburtstag gratuliert, obschon mein Geburtstag einen Monat zurückliegt. H. liest, lacht. Er weiß, dass er sich nicht irrt. Er macht mich auf einen Fehler aufmerksam. „Der Konjunktiv …“ Er weist auf die Flasche, er würde sie gern knacken, er hat zwei Gläser dabei. Aber nun schreibe ich grad wieder (schreibe mich warm). Also holt er sich bei May ein Bier. Und wer sind diese Leute, die da jetzt herein kommen? Fast bin ich ärgerlich. Eigentlich war der Tag schon vorbei. Aber er beginnt erst.
Ja, doch! Auch vorher gab es bereits dichte Momente. Als die beiden Frauen, gegen 18.30, dasaßen, erwartungsvoll, aufmerksam. Ich hatte einen Text voll in den Keller versenkt. Die Motive, die ich anschlug, passten nicht zueinander, es gab keinen Rhythmus – Ihr könnt euch das ansehen, es hängt an der Pinwand, Überschrift „Fahrradfahrer“ – , und die beiden saßen da, erbarmungslos. Ich bastelte, änderte, schrieb um, zog neue Fäden ein, erweiterte, strich. Und es war, je rasender ich wurde – und ich wurde rasend! – , als entwickelte sich ein seltsames Verständnis zwischen ihnen und mir, sie begriffen, in Schleifen, meine Überarbeitungen, mein Löschen, Kreuzen, meine Palimpseste. …
Eine Feedbackschleife.
Für Momente.
Interessanterweise, ohne dass ein Wort gesprochen worden wäre.
Man spürt´s am Atem.
Jetzt ist es also 21.00, B. und A. sind gekommen, sie haben U. mitgebracht, H. will, dass für mich ein Geburtstagskanon gesungen wird. Als schließlich gesungen wird, ist er draußen, rauchen. So geht´s.
Ich schreibe, die Freunde werfen Stichworte ein.
Ich nehme Bezug auf persönliche Verhältnisse. Der eine versteht nicht, was auf den anderen gemünzt ist. Mal lacht der, mal ein anderer. So geht´s auch nicht.
Aber die Stimmung steigt.
Dann plötzlich, am Schluss – alle sitzen so freundlich, friedlich da, es ist so angenehm still – schreibe ich eine Geschichte am Stück runter. I. will mich unterbrechen, sie weist auf den Oberheadprojektor: „Sie können den Autor jederzeit ansprechen, der Autor kann jederzeit Sie ansprechen“, aber grad jetzt ist nicht die Zeit. Ich weise auf die andere Seite, da sagt ein anderer Overheadprojektor: „Der Künstler bestimmt, wo´s lang geht!“, und jetzt geht´s nach innen. Ich bin versunken in diese kleine Nummer über die Posaune, die vom Dach eines Autos fällt und von einem nachfolgenden Autor überrollt wird. Und U., die diese Geschichte erlebt hat, lacht leise vor sich hin und erzählt allen, wie es wirklich war.
Dann steht May neben mir: „Es tut mir leid, aber …“ Schluss für heute, sie nimmt ihre Hausmeisterpflichten wahr.
Da hätte ich tatsächlich erst so recht beginnen wollen.
Der Rücken schmerzte zu diesem Zeitpunkt nicht.
Als Marc, der Kurator, (per Telefon) wissen wollte, wie´s war, saß ich im fyal und begann mit den Freunden die Geburtstagsparty.
Kommt, Freunde, Fremde, am Mittwoch, Donnerstag, Freitag. Bringt weitere Freunde und Fremde mit. Wenn diese Feedbackschleife eintritt, kann ich Euch sagen, erlebt ihr was, was nicht alltäglich ist.




