Gegen 20.10 begann der Autor, der heute während seiner Anwesenheit in der Stadthausgalerie von einem vorurteilslosen Menschen mit Baskenmütze (einem Fremden) und von zwei vorurteilsbelasteten Menschen ohne Baskenmütze (Freunden) besucht wurde, folgende Geschichte:
ZEIG DEINE WUNDE!
Der Schreibmarathon kommt zu einem Ende. Ich knete die Finger, die Arme. Ich habe selbst nicht gewusst, dass man so schnell schreiben kann! Überall im Raum sehe ich die anderen in ähnlicher Weise ihre Gliedmaßen strecken, ihre Arme massieren, ihre Fingergelenke in den Mund stecken, darauf herumkauen.
Das Schlusssignal erklingt.
Wir tippen an die Stirn, grüßen gegenseitig ab.
Es war ein langer Tag. (Von 10 bis 19 Uhr.)
Ich gehe zu Mike hinüber, sehe mir an, was er geschrieben hat. (Es hängt an einer rosaroten Pinwand.) Mir gefällt besonders die Geschichte, in der ein Riesenelefant, eine weiße Skulptur, vorkommt, die auf der Straße, die das Meer mit dem Inland verbindet, den Verkehr aufhält. Ich lese: „Wie froh war ich, als ich aus erhöhter Position plötzlich sah: Es ist nur ein Elefant! Solange ich unten war, dort, bei den anderen, solange ich wie sie in meinem Auto festsaß, hupte, tobte, DURCHDREHTE, da sah ich nur diese weiße Säule vor mir, die den Weg blockierte, da hatte ich ja keine Ahnung, dass diese Säule der hintere Fuß eines Elefanten war …“
Ich sehe zu ihm hinüber.
Er trinkt Wasser. Er starrt mich an.
Ich hebe den Daumen. Aber er wendet sich ab. (Er ist ein Mensch mit vielen Selbstzweifeln.)
Bei Josephine (blaue Pinwand) halte ich mich nicht lange auf. Ich erkenne auf den ersten Blick, dass sie unser gestriges Gespräch über männliche Ejakulationen verarbeitet hat. Ich will nicht wissen, was sie daraus gemacht hat. Zumal wir etwas frostig auseinander gingen. Sie hat, so vermute ich, erwartet, ich würde ihr, als sie zum Hotel aufbrach, Nase am Arsch folgen. Aber das tat ich nicht.
Allem den eigenen Rhythmus lassen, nichts beschleunigen!
Ich lehne mich, am Rand des Saals, auf die Brüstung eines offenen Fensters, das auf den Innenhof hinausgeht.
Ich höre Gespräche, die in der Nähe geführt werden.
„Kaum einer interveniert.“
Vermutlich, denke ich, sind die Besucher gemeint, die zwischen den arbeitenden Schriftstellern herumgehen, sich aber selten einmischen.
Ich überlege, welche Erfahrung ich gemacht habe, in diesen drei Tagen, die wir bereits hier sind (in der Steiermark). Wir schreiben unter Beobachtung. Wir müssen die Ergebnisse an die Wand hämmern, ob sie uns vollendet erscheinen oder nicht. Immer wieder sehe ich Besucher, die sich von meinen Texten angewidert abwenden. Ich würde mich wohler fühlen, wenn ich wenigstens wüsste: sie sind so, wie ich sie möchte. Aber für verantwortliche Korrekturen fehlt mir die Ruhe. Nur einer der Autoren, der sich Run nennt, hat die Chuzpe, pro Tag nicht mehr als einen einzigen armseligen Text fertig zu stellen. Da aber auch die Frequenz des Outputs zur Punktezahl beiträgt, verzichtet er insofern von vorneherein auf die Chance, den Preis zu gewinnen, um den wir hier kämpfen. Aber natürlich ist die eine Geschichte, die er produziert, geschliffen.
Der (in diesem Tempo) fast bewusstlos arbeitende kreative Mechanismus hat mich an einen toten Punkt gebracht. Ich denke: Was hast du geschrieben? In diesem Tempo, das ist klar, kannst du nur noch einmal neu geschrieben haben, was du bereits tausendmal geschrieben hast. Die Namen wechseln, die Situationen scheinen verändert, aber ich weiß zu jeder Geschichte eine andere, die es bereits gibt und die der neuen entspricht. Da ist nichts zu machen. Ich riskiere vor – ich überlege – ca. 3.000 Besuchern täglich keine komplett neue Schiene. Aber jetzt, hier, an diesem Abend …
Ich sehe hinab in den Innenhof.
Josephine küsst Axel.
Hier, jetzt, an diesem Abend – wenn ich jetzt weiter schreiben würde … Ich würde möglicherweise … Weil mir jetzt alles egal ist, weil ich müde bin, WEIL ICH MICH ZERRISSEN HABE, weil … Vielleicht stimmt es ja auch gar nicht (denke ich), dass ich nur Altes neu aufgewärmt habe, vielleicht habe ich das Alte in der Wiederholung ZERSCHLISSEN … Vielleicht ist es jetzt endgültig vor die Wand gefahren, und das dumme, eitle, narzisstische Ich, das ich wieder und wieder vorgeführt, wieder und wieder ausgeliefert, DEN MASSEN ZUM FRASZE VORGEWORFEN HABE, vielleicht steht es nun nicht mehr zur Verfügung – und so hätte dieser Marathon doch etwas Positives bewirkt.
Die Dämmerung fällt schon ein.
Mir kommen plötzlich die Tränen.
Wie wird es weiter gehen, denke ich?
Keine Frage – wer an diesem Marathon teilnehmen konnte (wer sich da HINAUFMÄANDERT hat, wenn nicht (ich denke an Josephine) HINAUFGEKEUCHT, wird nicht mehr in der Anonymität versinken. Aber kommt es darauf an?
Zeig mir deine Wunde, denk ich.
Zeig mir dein wundes Herz.
Aber – wie jeder weiß – es ist ja nicht damit getan zu schreiben: Seht her, mein wundes Herz.
Es braucht ja viel mehr, es braucht ja all diese Spiegelungen, die eisweißen Riesenelefanten, die Frauen ohne Arm, die stinkenden verwahrlosten Alkoholiker, die an der Ampel darauf warten, dass jemand bei Rot rüberfährt, um ihm, für einmal im Leben, mit der Wut dessen, der im Recht ist, nachrufen zu können: „Bist du blind, Alter?“ All das braucht es, obschon es gar nichts mit dem Herzen, dem wunden Herzen zu tun zu haben scheint.
Nun, denke ich, dann wären die Geschichten, die du in den drei Tagen geschrieben hast, ja doch die richtigen gewesen.
„Hallo?“, höre ich von unten.
Josephine sieht zu mir hoch. Sie lächelt, freundlich (zu meiner Verwunderung).
„Der Held ist verdüstert?“
Ich sage nichts, ich schaue sie an.
„Du wirst den Preis gewinnen. Mach dir keine Sorgen.“
„Wahrscheinlich“, sage ich (um sie zu ärgern). Und füge hinzu: „Wirst du dann mit mir feiern?“
„Gern“, sagt sie.

So endete die Geschichte gegen 21.00.
Es blieben noch 60 weitere Minuten für lustige Gespräche und herrschaftsfreie Diskurse.