»Christian Fries«

Fertiges

28.Oktober 2010

Seit gestern sind die Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler nicht nur in der Stadthausgalerie quasi live oder verstreut auf diesen Blog-Seiten zu beobachten, nein, nun gibt es auch gebündelt und gesammelt die Kraft der Werktage. Unter dem Menüpunkt “Die Werke” haben wir mit einer Reihe von Geschichten von Christian Fries begonnen, so etwas wie eine Auswahl des Geschafften zu präsentieren. Nicht die Spontanität steht hier im Vordergrund, sondern der Prozess des Sortierens und Bewertens. Christian Fries produzierte durchaus mehr Geschichten als die, die er nun auf den Seiten eingestellt hat. Aber er wählte ausgerechnet diese – und damit eine Essenz seiner Werktage.
Mehr in Kürze.

Lochkamera / 15. bis 16.09.2010

14.Oktober 2010

15.09.2010 17:50 – 20:56 Uhr / Christian Fries / Zweiter Tag

16.09.2010 18:05 – 20:11 Uhr / Christian Fries / Dritter Tag

16.09.2010 18:05 – 20:11 Uhr / Christian Fries / Dritter Tag

Jan Klare „Der Jazzibo – Hast Du Angst vor mir?“ – Bilder vom 03.10.2010

03.Oktober 2010

Vierter Tag

22.September 2010

Marc (Kurator der werk/tage) wollte eine Abschiedsgeschichte. Es war noch eine halbe Stunde Zeit.

Was herauskam, könnt ihr weiter unten lesen: „Hinterbühne“.

Ich werde (demnächst) weitere Texte ins Netz stellen, die ich in den Tagen in der Stadthausgalerie geschrieben habe. Für alle, die keine Zeit hatten, mich zu besuchen und  ihre Entstehung zu verfolgen. Denn sicherlich waren es nur zeitliche Gründe, die Euch abgehalten haben, Bürger von Münster.

Von heute, dem letzten Tag, lässt sich berichten:

- Eine Frau schenkte mir zwei Pralinés, die sie (vermutlich) bei Karstadt erworben hatte. Was mich daran erinnerte, dass ich mal, zu Zeiten, als ich an den Städtischen Bühnen als Schauspieler engagiert war, eine Stalkerin hatte, die mir zu Weihnachten einen selbstgebackenen Kuchen schickte, und ich hatte Angst, ihn zu essen, weil ich Angst hatte, er könnte vergiftet sein, aber M., meine damalige Freundin, aß ihn ohne weiteres auf, ohne Hemmung – und wohl auch ohne Eifersucht.

- Ein junger Metzger vom Handwerkermarkt stürmte herein und besah sich, aus skeptischer Entfernung, meine Texte, als ginge es um abgehangenes, schlecht riechendes Fleisch.

- Drei Leute sprachen mich auf den Bachmann-Wettbewerb an! Wie es mir im Kreuzfeuer der Jury ergangen sei. Ich sagte: „Nicht so schlimm, wie man denken könnte.“

- Überhaupt wurde viel geschwätzt heute.

Und dann?

- Am Ende saßen wieder 6, 7, 8 Leute (Freunde und Fremde) da und sahen eine geschlagene Stunde lang zu, wie der Text „Nürnberg“ nicht ganz das werden wollte, was das Traummaterial, das ihm zu Grunde lag, versprechen wollte.

Dieses konzentrierte Schreiben unter (wohlwollender) Beobachtung war das Beste.

Ich räumte auf, rollte den Teppich ein und sah am Ende ungefähr so aus:

Tschüss! Kauft mein Buch oder lasst es bleiben, Bürger von Münster. Es heißt: „Vater gibt seinen Weinhandel auf“ und ist erhältlich.

Und hier folgt nun die Abschiedsgeschichte.

Hinterbühne

Ich steige auf der Hinterbühne die Eisenleiter hinauf in den Schnürboden. Auf der Bühne läuft die Vorstellung. Ich höre, wie Hans Rittbein den Text spricht, den bis vor kurzem ich gesprochen habe. „Solche Reibereien entstehen immer. Kein Grund, sich darüber ernstlich zu entzweien.“ Ganz meiner Meinung, denke ich. Nachher wird er (nackt, blutüberströmt) die endlose Reihe der Treppenstufen hinabrollen. Das tat immer scheißweh! … Aber Hans ist besser trainiert als ich.

Auf Höhe der Scheinwerfer wechsle ich über die Portalbrücke auf die andere Seite. Ich gehe direkt über meinen Kollegen hinweg. Könnt´ ihm auf den Kopf spucken. (Und er weiß es nicht.) Kabel liegen herum, eingesteckte, ausgesteckte. Ich taste mich vorsichtig an dem Eisengeländer entlang. Auf der anderen Seite führt eine neue Leiter weiter nach oben. Ich werfe, während ich die kalten Sprossen spüre und mich jedes Mal versichere, dass ich guten Griff habe, bevor ich einen weiteren Tritt tue, einen Blick hinab. Hans Rittbeins Gestalt wird immer kleiner. Und wird immer noch kleiner werden.

Ich passiere eine eiserne Plattform, auf der jemand steht. Das ist S. Sie sieht mich verwundert an. Ich lege einen Finger auf den Mund. S. ist hier, weil es in wenigen Minuten die Schneeszene kommt. S. ist es, die den Schnee von hier aus hinabrieseln lässt. Dann wird Hans sagen: „Es schneit. Ich gehe ins Haus.“ Und in die Seitenkulissen abgehen.

Vielleicht sollte ich (nach der Operation) nicht im Schnürboden herumklettern. Ich weiß nicht, was mich treibt: Eifersucht, dass Hans meine Rolle übernommen hat. (Irgendeiner musste es ja tun.) Neugier, ob er sich an den selben Stellen verhaspelt wie ich. (Natürlich nicht, er wird sich an anderen Stellen verhaspeln.) Trauer darüber, dass etwas zu Ende geht?

Ich runzle, nur so für mich allein, die Brauen!

Was geht zu Ende?

In vier Monaten (so denke ich) stehe ich wieder auf den Brettern. Keine Frage. Ein Bandscheibenvorfall ist ja nicht das Aus der Karriere. Ich bin ein disziplinierter Mensch. Ich mache meine Übungen. Ich bin achtsam. Was sollte schief gehen?

Hans sagt: „Ich gehe ins Haus.“

Er hat vergessen zu sagen, dass es schneit. Aber na gut – das sieht ja jeder.

Die Schneeflocken rieseln auf die Bühne. Ich sehe, wie S. unter mir die Plattform verlässt, die Leiter ergreift, auf der Portalebene ankommt, über die Brücke auf die andre Seite wechselt und dort über die nächste Leiter weiter in die Tiefe steigt, dieselbe Leiter, auf der ich vor wenigen Minuten meinen Aufstieg begonnen habe.

Was geht zu Ende?, denke ich erneut. Aber ich bin abgelenkt. Hans, mein `Double´, steht jetzt auf der Seitenbühne. Ich schaue senkrecht hinab.  Früher hatte ich Höhenangst. Tja … Die ist einfach verschwunden, von einem Tag auf den anderen … Ich würde gern, in einer plötzlichen Aufwallung freundschaftlicher Gefühle, hinunter rufen, Hans, den ich so gut kenne, seit Jahren, auf mich aufmerksam machen, aber natürlich geht das nicht. Ich denke (und schüttel den Kopf): „Du kleiner Schleimer, du kleiner Besserwisser, du mit dem schütteren Haar, der du mir immer in die Parade gefahren bist, wo es nur ging! Weil ich dich ausgestochen habe. Nun spielst Du meine Rolle, und Du denkst, Du machst es besser. Nicht wahr? Vielleicht taumelst Du aber auch nur so durch den Text und merkst, wie schwierig das alles ist … Wie heißt es im Text? `Handeln, leiden, lernen.´ Na, bitte, da wird es Dir schon kalt den Rücken runterlaufen, wenn Du das in die Ränge zu rufen hast. Bist du dem gewachsen? Alt genug, diese Worte! Mach nur, kämpf nur, reib dich auf. Ich meinerseits schau, was sich hinter unserem Rücken tut. Ich habe nichts Besseres zu tun.“

Auf der Bühne rasselt jetzt der Chor mit den Säbeln. Eine schreckliche Szene, die der Regisseur vor die Wand gefahren hat. Das muss man sagen … Hans wird geschminkt, er hat sich bereits (nackt) ausgezogen. Das Blut läuft ihm den Rücken hinab, ich seh´s von hier oben genau – aber selbst wenn ich es nicht sähe, wüsst´ ich´s. Weil es bei mir auch nicht anders war. Und ich weiß, dass sie sich beeilen müssen. Das Säbelrasseln des Chors dauert nicht lang. Auch Hans Rittbeins schütteres Haar sehe ich. Und (so kommt´s mir vor, aber natürlich ist das unmöglich) seine gefärbten Augenwimpern.

Der Kampf gegen das Alter stinkt bis hier herauf.

Ich bin ganz oben angekommen. Ich blicke in die Höhe. Zu meinem Erstaunen entdecke ich über mir ein schräges Dachfenster. Es ist mit Pappkarton zugeklebt, so dass kein Licht durchkommt, aber es ist – ein Fenster. Ich öffne es. Leise dringt der Lärm der Straße an mein Ohr. Unter mir höre ich Christine, sehr weit entfernt: „Kalt ist´s, und nichts gewonnen!“ Auch das stimmt.

Ich besinne mich nicht lang, ich steige aufs Dach hinauf. Der Rücken sagt: „Was tust du?“

Ich sage: „Halt die Schnauze!“, beuge ihn vorsichtig und wechsle über eine Brandmauer auf das angrenzende Gebäude der Sparkasse.

Lob dem Einzelnen

21.September 2010

Was mich als Kurator bei den Werktagen bisher begeistert, ist die bedeutsame Rolle, die einzelne Gäste spielen.

Üblicherweise werden kulturelle Veranstaltungen danach bewertet, wie viele Leute anwesend waren. Zahlen werden nach oben gejubelt, weil zunehmend Masse Kunst und Kultur legitimiert.

Bei den Werktagen ist das anders. Echte Begegnungen sind wichtiger als flüchtiges Passieren – und mich freut, wie sehr die künstlerische Arbeit von Christian Fries von diesen Begegnungen gelenkt wurde. Der Autor hat jeden einzelnen Gast sehr ernst genommen. Ernst nehmen müssen, denn die Leute haben sich schließlich eingemischt und gefragt, statt nur staunen oder zu schauen.

Dadurch sind Texte entstanden, die nicht nur von oberflächlichen Kontakten beeinflusst wurden, nicht von einem weißen Rauschen, sondern von wirklichen Interaktionen, die dem  Schriftsteller mal geholfen, mal irritiert – aber, wie man lesen kann, immer berührt haben.

Dritter Tag

17.September 2010

Gegen 20.10 begann der Autor, der heute während seiner Anwesenheit in der Stadthausgalerie von einem vorurteilslosen Menschen mit Baskenmütze (einem Fremden) und von zwei vorurteilsbelasteten Menschen ohne Baskenmütze (Freunden) besucht wurde, folgende Geschichte:

ZEIG DEINE WUNDE!

Der Schreibmarathon kommt zu einem Ende. Ich knete die Finger, die Arme. Ich habe selbst nicht gewusst, dass man so schnell schreiben kann! Überall im Raum sehe ich die anderen in ähnlicher Weise ihre Gliedmaßen strecken, ihre Arme massieren, ihre Fingergelenke in den Mund stecken, darauf herumkauen.

Das Schlusssignal erklingt.

Wir tippen an die Stirn, grüßen gegenseitig ab.

Es war ein langer Tag. (Von 10 bis 19 Uhr.)

Ich gehe zu Mike hinüber, sehe mir an, was er geschrieben hat. (Es hängt an einer rosaroten Pinwand.) Mir gefällt besonders die Geschichte, in der ein Riesenelefant, eine weiße Skulptur, vorkommt, die auf der Straße, die das Meer mit dem Inland verbindet, den Verkehr aufhält. Ich lese: „Wie froh war ich, als ich aus erhöhter Position plötzlich sah: Es ist nur ein Elefant! Solange ich unten war, dort, bei den anderen, solange ich wie sie in meinem Auto festsaß, hupte, tobte, DURCHDREHTE, da sah ich nur diese weiße Säule vor mir, die den Weg blockierte, da hatte ich ja keine Ahnung, dass diese Säule der hintere Fuß eines Elefanten war …“

Ich sehe zu ihm hinüber.

Er trinkt Wasser. Er starrt mich an.

Ich hebe den Daumen. Aber er wendet sich ab. (Er ist ein Mensch mit vielen Selbstzweifeln.)

Bei Josephine (blaue Pinwand) halte ich mich nicht lange auf. Ich erkenne auf den ersten Blick, dass sie unser gestriges Gespräch über männliche Ejakulationen verarbeitet hat. Ich will nicht wissen, was sie daraus gemacht hat. Zumal wir etwas frostig auseinander gingen. Sie hat, so vermute ich, erwartet, ich würde ihr, als sie zum Hotel aufbrach, Nase am Arsch folgen. Aber das tat ich nicht.

Allem den eigenen Rhythmus lassen, nichts beschleunigen!

Ich lehne mich, am Rand des Saals, auf die Brüstung eines offenen Fensters, das auf den Innenhof hinausgeht.

Ich höre Gespräche, die in der Nähe geführt werden.

„Kaum einer interveniert.“

Vermutlich, denke ich, sind die Besucher gemeint, die zwischen den arbeitenden Schriftstellern herumgehen, sich aber selten einmischen.

Ich überlege, welche Erfahrung ich gemacht habe, in diesen drei Tagen, die wir bereits hier sind (in der Steiermark). Wir schreiben unter Beobachtung. Wir müssen die Ergebnisse an die Wand hämmern, ob sie uns vollendet erscheinen oder nicht. Immer wieder sehe ich Besucher, die sich von meinen Texten angewidert abwenden. Ich würde mich wohler fühlen, wenn ich wenigstens wüsste: sie sind so, wie ich sie möchte. Aber für verantwortliche Korrekturen fehlt mir die Ruhe. Nur einer der Autoren, der sich Run nennt, hat die Chuzpe, pro Tag nicht mehr als einen einzigen armseligen Text fertig zu stellen. Da aber auch die Frequenz des Outputs zur Punktezahl beiträgt, verzichtet er insofern von vorneherein auf die Chance, den Preis zu gewinnen, um den wir hier kämpfen. Aber natürlich ist die eine Geschichte, die er produziert, geschliffen.

Der (in diesem Tempo) fast bewusstlos arbeitende kreative Mechanismus hat mich an einen toten Punkt gebracht. Ich denke: Was hast du geschrieben? In diesem Tempo, das ist klar, kannst du nur noch einmal neu geschrieben haben, was du bereits tausendmal geschrieben hast. Die Namen wechseln, die Situationen scheinen verändert, aber ich weiß zu jeder Geschichte eine andere, die es bereits gibt und die der neuen entspricht. Da ist nichts zu machen. Ich riskiere vor – ich überlege – ca. 3.000 Besuchern täglich keine komplett neue Schiene. Aber jetzt, hier, an diesem Abend …

Ich sehe hinab in den Innenhof.

Josephine küsst Axel.

Hier, jetzt, an diesem Abend – wenn ich jetzt weiter schreiben würde … Ich würde möglicherweise … Weil mir jetzt alles egal ist, weil ich müde bin, WEIL ICH MICH ZERRISSEN HABE, weil … Vielleicht stimmt es ja auch gar nicht (denke ich), dass ich nur Altes neu aufgewärmt habe, vielleicht habe ich das Alte in der Wiederholung ZERSCHLISSEN … Vielleicht ist es jetzt endgültig vor die Wand gefahren, und das dumme, eitle, narzisstische Ich, das ich wieder und wieder vorgeführt, wieder und wieder ausgeliefert, DEN MASSEN ZUM FRASZE VORGEWORFEN HABE, vielleicht steht es nun nicht mehr zur Verfügung – und so hätte dieser Marathon doch etwas Positives bewirkt.

Die Dämmerung fällt schon ein.

Mir kommen plötzlich die Tränen.

Wie wird es weiter gehen, denke ich?

Keine Frage – wer an diesem Marathon teilnehmen konnte (wer sich da HINAUFMÄANDERT hat, wenn nicht (ich denke an Josephine) HINAUFGEKEUCHT, wird nicht mehr in der Anonymität versinken. Aber kommt es darauf an?

Zeig mir deine Wunde, denk ich.

Zeig mir dein wundes Herz.

Aber – wie jeder weiß – es ist ja nicht damit getan zu schreiben: Seht her, mein wundes Herz.

Es braucht ja viel mehr, es braucht ja all diese Spiegelungen, die eisweißen Riesenelefanten, die Frauen ohne Arm, die stinkenden verwahrlosten Alkoholiker, die an der Ampel darauf warten, dass jemand bei Rot rüberfährt, um ihm, für einmal im Leben, mit der Wut dessen, der im Recht ist, nachrufen zu können: „Bist du blind, Alter?“ All das braucht es, obschon es gar nichts mit dem Herzen, dem wunden Herzen zu tun zu haben scheint.

Nun, denke ich, dann wären die Geschichten, die du in den drei Tagen geschrieben hast, ja doch die richtigen gewesen.

„Hallo?“, höre ich von unten.

Josephine sieht zu mir hoch. Sie lächelt, freundlich (zu meiner Verwunderung).

„Der Held ist verdüstert?“

Ich sage nichts, ich schaue sie an.

„Du wirst den Preis gewinnen. Mach dir keine Sorgen.“

„Wahrscheinlich“, sage ich (um sie zu ärgern). Und füge hinzu: „Wirst du dann mit mir feiern?“

„Gern“, sagt sie.

So endete die Geschichte gegen 21.00.

Es blieben noch 60 weitere Minuten für lustige Gespräche und herrschaftsfreie Diskurse. 

Christian Fries – Bilder vom zweiten Tag (16.09.)

16.September 2010

Zweiter Tag

16.September 2010

Ich fuhr am Nachmittag von Gießen nach Münster, um den zweiten Tag des Projekts werktage in Angriff zu nehmen. Ich hörte DLF: Jemand hat ein Buch über Facebook geschrieben. Womit ist Facebook ein Milliardenun-ternehmen geworden? Durch (anonymisierte) Weitergabe persönlicher Daten, betreffend Interessen, Vorlieben, politische Einstellungen der Menschen, die Facebook nutzen. Was haben Jugendliche, die Facebook nutzen, zu lernen? Was es bedeutet, wenn sie Intimitäten öffentlich machen.
Plötzlich wird mir, während ich in den nächsten Stau gerate, klar, dass ich eine solche Nachhilfe ebenfalls brauche.
Im Moment kann jeder, der will (in der weiten Welt), lesen, dass mein Vater an meinem (36sten) Geburtstag gestorben ist und dass meine Mutter seither nicht weiß, ob sie am 11. September an mich oder an ihn denken soll (von N.Y. ganz zu schweigen) .Wobei dies ja nur ein dummer Kalauer war, denn zwei Tage, nachdem ich dies im Netz verlautbarte, erhalte ich einen Brief von ihr, in dem steht, dass sie – wer hätte es gedacht! – an mich und ihn denkt. Obendrein ist der geneigte Internetsurfer in Kenntnis gesetzt darüber, dass mein Vater möglicherweise kein typischer „Herzensmensch“ war. Nun, ich möchte ergänzen, dass dies ein Begriff ist, den ich sowieso lächerlich finde.
Somit wären diese Dinge erledigt. Und meine Eltern rehabilitiert.
Aber ich bin skeptisch geworden.
Wer bist du, Mensch, der du dies liest?
Und Tege, unser Websiteadministrator, sagt auf meine Frage, ob das, was ich hier ins Netz stelle (inkl. Zeichnungen) eigentlich kopiergeschützt ist, mit verhaltenem Stolz, er, Tege könne, wenn er wolle, alles und jedes aus dem Netz runterkopieren, da halte nichts Stand, das stehe eben „im Netz“ – und es ist klar, was das bedeutet: Jeder kann ran. Ich, denke an meine kleinen, zarten Stricheleien, die da jetzt schutzlos im Netz stehen, jeder Vergewaltigung ausgesetzt, aber ich denke: Wenn ihr wüsstet, wie schön die in natura auf dem Papier aussehen, diese Essenz klaut niemand run-ter, und wollte er die Zeichnungen auf Seide ausdrucken.

Dies zur Frage der Originalität von Kunstwerken im Zeitalter ihrer techni-schen Reproduzierbarkeit.
Was den (originalen) zweiten Tag in der Galerie betrifft, habe ich nicht viel zu sagen. Gegen 18 Uhr kam ein Mann, der sich auf eine längere Visite einließ. Ich arbeitete an dem Text, der jetzt unter dem Titel „Wind“ an der Pinwand hängt. (Kommt gucken!) Mir war nach dem ersten Tag werktage aufgefallen, dass kein Gespräch darüber entstanden war, wie der Autor im einzelnen vorgeht, aus welchen Gründen er hier streicht, dort ergänzt usw.
Jetzt entstand dieses Gespräch.
Mein Gast machte Vorschläge, fragte nach, beurteilte neue Wendungen.
Sehr angenehm.
Als ich die Skizze fertig hatte, sagte ich: „Der nächste Schritt wäre die Kor-rektur. Aber das lasse ich jetzt.“
Nicht dass er protestiert hätte, aber er sagte: „Das kann auch interessant sein.“
„Was, die Korrektur?“
Ja.
„Naja …“
Etwas neu anfangen ist einfacher als etwas bearbeiten!
Ich dachte: „Also gut!“, und begann mit der Korrektur, und gemeinsam (möchte ich sagen) sahen wir zu, wie die Geschichte sich immer weiter in eine ganz andere verwandelte. (Beide Varianten hängen. Kommt gucken.) Und ich danke meinem anonymen Gast für seine Wegbegleitung, im Grunde haben wir die Geschichte (ein bisschen) im Kollektiv geschrieben.
Thorsten, der Fotograf, der die werktage über die Wochen begleitet, stellte eine Blechbüchse vor mich hin und sagte, das sei eine Camera Obscura, die nehme nun vier Stunden lang alle meine Bewegungen fotografisch auf.
Ich hoffe, ich werde das Ergebnis sehen.
Zwei Menschen bei der Arbeit.
Auch das: angenehm.
Die Stille. Der schöne, riesige Raum.
Einige Male kam jemand herein, ging die Wände entlang, las, lachte leise, nickte mir zu und – ging wieder. Vielleicht war´s zu still bei uns, zu heilig. Wie im Museum. Dabei habe ich alle sehr freundlich angelächelt …
Auch dieses Mal nutzte ich einen Teil der Zeit für „private Zwecke“, beendete eine Story, mit der ich mich am Walter-Serner-Wettbewerb beteiligen wollte und kriegte sie mit S.s Hilfe (heute für M. am Tresen) rechtzeitig auf den postalischen Weg nach Berlin.
Und auch heute gab es gegen 21 Uhr noch einmal Freundesauflauf.
Ich mag diese Stunden in der Galerie. Heute verflogen sie wie nichts. Ich kam von der Autobahn (wie berichtet), ich hatte bereits Theaterproben am Morgen hinter mir, ich schaffte es mit Ach und Krach, beim 5-Uhr-Gockengeläut die Galerie zu betreten, der Rücken tobte – und doch kehrte nach wenigen Minuten Ruhe ein. Ich schrieb fast ohne Unterbrechung.
Was es taugt, sei dahingestellt.
Aber es hängt an den gelben Bretterwänden und wartet auf Eich.
Wie ich, auf meinem Stuhl, auch.